Kann mir jemand in wenigen Worten erklären, warum die die Piratenpartei so beliebt ist? Ich dachte immer, die wären für das aufheben des Urheberrechts und dergleichen!?
Auch weil sie unverbraucht sind, die Gesichter neu und das Programm anders. Sie sind freier, wilder, etwas weniger in den politischen Prozess eingebunden und ritualisiert. Die Piraten schaffen es, Nichtwähler zu erreichen, weil sie doch in weiten Teilen ein Programm haben, dass wählbar ist (damit spreche ich NICHT von fehlenden Punkten, sondern nur von Sachen, die da sind), so dass man mit einer Protest-Piraten-Wahl dafür sorgt, dass die etablierten Parteien aufgerüttelt werden, ohne gleich zur Nazi- oder Linksextremenkeule greifen zu müssen. (Auch wenn den Piraten momentan aus irgendwelchen Gründen immer wieder unterstellt wird, sie würden Rechtsextremisten eine Plattform bieten: Nein, eigentlich bieten die Medien eine Plattform, die meisten Piraten sind sicherlich eher mitte-links, liberal und aufgeschlossen).
Was das Urheberrecht betrifft:
Im Grunde geht es nicht um eine Aufhebung. Die Piraten wissen auch, dass sie das nicht durchsetzten können. Aber im Moment ist es für viele Nutzer und Konsumenten der Fall, dass ihre Interessen weit hinter denen der Verwerter - nicht der Urheber

- zurückstehen. Die GEMA ist da eine Behörde (die es mittlerweile auch kleinen Veranstaltungen echt schwer macht), Kopierschutz eine andere.
Die Piraten wollen nicht, dass sich ab heute jeder in die Bibliothek stellt und den neusten Georg R.R. Martin-Band kopiert, sondern im Grunde genommen, dass der Staat sich nicht aufgrund von Urheberrechtsverletzungen ohne kommerzielles Interesse das Recht herausnimmt, die PCs der Bürger zu überwachen.
Kommerzielle Urheberrechtsverletzungen sollen natürlich weiterhin verboten bleiben.
Den Piraten ist es wichtig, dass Urheber ihrerseits sich auch darüber im Klaren sind, dass das weiterverbreiten von Daten heute viel einfacher ist, als noch vor 10 Jahren und das daher neue Modelle erschlossen werden müssen, wie man Geld mit seiner Kunst machen kann.
Wenn ich dazu etwas anmerken darf:
Natürlich sind die Vorschläge der Piraten sehr progressiv, vielleicht sogar schon zu progressiv. Aber sie zeigen auf, dass ein Reformbedarf nötig ist, der beide Seiten - Urheber und Käufer - schützt und gleichzeit den Verwertern (denn die sind wohl das Hauptproblem) etwas von ihren derzeit m.E. zu starken Rechten nimmt.
Würde ich das Urheberrecht/Verwertungsrecht umgestalten, sähe das in etwas wie folgt aus:
- Das Urheberrecht als solches erlischt nicht, aber nach dem Tod des Autors wird das Werk sofort

gemeinfrei und für die Öffentlichkeit zugänglich. Jeder Verlag darf es zu einem eigenen Preis publizieren und jeder darf es kopieren, weiterverbreiten und nutzen.
Was man nicht darf: Das Buch unter dem eigenen Namen nochmal herausbringen. Sprich: Wenn Lieschen Müller aufs Cover druckt, sie habe "Der Untertan" geschrieben, dann ist das schlicht und ergreifend verboten. Thomas Mann MUSS draufstehen.
-Die Verbreitung von Kopien von MP3-Dateien, MP4-Dateien und ähnlichen Formaten muss erlaubt sein, so lange es nicht kommerziell genutzt wird und sich im Rahmen hält. Sprich: Wenn ich ein geschlossenes Netzwerk mit 10 Kumpels aufziehe, dann darf darin jeder der 10 sooft und so viel tauschen, wie er lustig ist, solange keine kommerziellen Interesse dahinter stecken und so lang nicht einer in 10 Netzwerken gleichzeitig ist.
Was man nicht darf: Das Produkt unkontrolliert hochladen.
-Das Herunterladen einer Datei, ist nicht strafbar, so lange sie keine definitiv illegalen Inhalt hat (wie etwa Kinderpornographie u.ä), egal, wo man sie her hat. Denn um die Voraussetzung dafür zu schaffen, dass man solchen Verstößen nachgehen kann, müsste eine technische Überwachungsstruktur geschaffen werden, die sich nicht rechtfertigt. DAS ist der entscheidende Punkt.
Beim Hochladen ist dies nur dann möglich, wenn der Verdacht einer schweren Straftat besteht, bzw. wenn es nachzuweisen ist, ohne dabei den entsprechenden Rechner zu überwachen. Jemand der 1000 Dateinen hochläd, die urheberrechtlich geschützt sind, sollte natürlich strafrechtlich verfolgt werden, jemand der eine Datei hochläd, ist dafür irrelevant!
-Bücher u.äh. die aus öffentlichen Geldern finanziert werden, sollten öffentlich bleiben, sprich: Sie sollten kopiert werden dürfen und im Netz öffentlich zugänglich sein.
-Urheber sollten das Recht haben, jederzeit ihre Werke bei anderen Verlagen veröffentlichen zu können und zugleich die Möglichkeit haben, dem Verlag eine Veröffentlichungslizenz zu entziehen. Knebelverträge, die die Autoren, Komponisten und Co. an Verlage binden, sind unzulässig.
-Die GEMA-Vermutung sollte umgekehrt werden und nicht mehr für alle Bereiche relevant sein. Kleine Konzerte (bis 200-300 Besucher) sollten von der GEMA nur in geringem Maße zum Zahlen aufgefordert werden, Großveranstaltungen entsprechend der tatsächlichen Besucherzahlen.
-Notensätze von lange verstorbenen Komponisten sollten frei zugänglich sein, Neusetzungen wesentlich billiger als jetzt.
-Konzertaufnahmen von klassischen Konzerten sollten frei verfügbar sein. Die eigentliche Einnahmequelle bieten da wohl eher Konzerte.
Dies sind nur ein paar Punkte, die natürlich NICHT heißen sollen, dass es jetzt keine Bücher mehr im Buchhandel oder DVDs im Laden geben soll. Ganz klar nicht. Denn es schließt sich nicht aus. Ich bin gerne bereit, für eine CD/DVD/Blueray auch etwas zu bezahlen, wenn der Film mich interessiert. Ich bin bereit 1 Euro für meine Lieblingshit bei iTunes auszugeben. Ich bin auch gerne bereit, weiterhin 9,00 Euro für ein Taschenbuch im Buchhandeln zu investieren. Und das sind sicherlich genug Leute, die auch die oben stehenden Vorschläge gut heißen würden.
Nur ist halt momentan das Problem, dass viele nicht einsehen wollen, für einen Jahre alten Film immer noch 10 Euro zu bezahlen, wobei die Produktionskosten für Hülle und CD lediglich ein paar Cent betragen. Natürlich wollen auch andere Leute an dem Film verdienen, aber 10 Euro ist immer noch zu viel Geld. Man könnte alternativ eine "audible-ähnliche" Plattform schaffen. Das würde sicherlich laufen (wer audible nicht kennt: Ein Abodienst für Hörspiele und Hörbücher, in dem man beides sehr viel günstiger bekommt, als z.T. im Handel).
Zudem sind die oben aufgeschriebenen Vorschläge natürlich nicht spruchreif. Sie sind auch nicht vollkommen ausgereift. Es sind nur ein paar Überlegungen und Wünsche von mir, vielleicht Anregungen für ein Überdenken der momentanen Strukturen. Und dem Verhältnis von Konsument und Erschaffer, bzw. Verwerter.