SWEET TOOTH
von Jeff Lemire
Inhalt: Nach einer tödlichen Seuche ist der Großteil der Menschheit dahingerafft. Nur wenige vom nahenden Tod gekennzeichnete Überlebende, verharren in einer postapokalyptischen Welt und warten auf ihr unweigerliches Ende. Anarchie und Chaos sind an der Tagesordnung. Die Zukunft gehört einer kleinen Zahl von neuen Hybridwesen wie Gus, der eine Mischung aus Mensch und Reh ist. Gus, der von seinem menschlichen Vater sein Leben lang von der Außenwelt abgeschottet wurde, ist nach dessen Tod plötzlich auf sich allein gestellt. Gefahren lauern überall, vor allem ist auf Hybridwesen wie er ein Kopfgeld ausgesetzt, denn sie könnten der Schlüssel für das Überleben der wenigen verbliebenen Menschen sein…
Es ist ja schon erstaunlich, was in der vergangenen Zeit an interessanten neuen Serien aus den USA unter dem Label Vertigo hier bei Panini veröffentlicht worden ist. Nachdem ich inzwischen ein treuer Leser von Fables, Sandman, Y the last Man, The Unwritten geworden bin, war ich natürlich auch neugierig auf diese neue Serie von Jeff Lemire (Essex County).
Der Plot und die Hintergrundgeschichte sind natürlich nicht neu. Schon oft wurden in Comic, Buch und Film postapokalyptische Welten nach Kriegen, Katastrophen oder Seuchen von diversen Autoren und Regisseuren geschaffen, keine Frage. Was ist aber an dieser Serie so besonders? Das kann ich damit beantworten, dass hier der Charakter Gus, das Mischwesen aus Mensch und Tier, einem schon nach zwei Seiten dermaßen ans Herz gewachsen ist, dass man förmlich schon nach kurzer Zeit innerlich darum fleht, dass dieses zerbrechliche Wesen in dieser rauen Welt überlebt.
Gus ist leichtgläubig, naiv, vertrauensselig und schwach, er ist von seinem Vater im Sinne der christlichen Lehre erzogen worden und wird urplötzlich nach dessen Tod auf eine Welt losgelassen, die in Chaos, Gewalt und Anarchie zu versinken droht. Sein Überleben könnte nur die zweite Hauptfigur, der grobe und erbarmungslose Jeppert, sichern. Aber welche Rolle spielt der? Nur langsam nähern die beiden Figuren sich im Laufe der Story an. Und meine Hauptfrage stellte sich schon nach der verhängnisvollen Begegnung der beiden Protagonisten und zog sich bis zum Abschluss der in diesem Band enthaltenen fünf US-Ausgaben: Kann Jepperts eiskaltes Herz erweicht werden? Kann die Zerbrechlichkeit von Gus soviel Empathie und Barmherzigkeit in Jeppert wecken, dass er von seinem verräterischen Ziel abweicht?
Jeff Lemire kommt ursprünglich aus dem Filmgeschäft und ist für Text und die groben Zeichnungen selber verantwortlich. Das spürte man auf jeder Seite, die überwiegend nur mit einer Sprechblase versehenen Einzelbilder wirken fast wie kurze Filmschnitte, die der Handlung angepasst von mir beim Lesen schneller oder langsamer erlebt wurden und mich über die Bild- und Textgrenzen des Comics hinaus die Story verfolgen lies, fast wie in einem Fluss, von dem man sich treiben lassen kann. Die einzig Negative war dabei nur, dass ich diesen Band ungewöhnlich schnell durchgelesen hatte.
Fazit: Ein SF-„Roadmoviecomic“ zwischen „The Road“ und „Vampire Nation“, welches vor allem ein Mitgefühl für die Hauptfigur erweckt und von der Sympathie zu dieser lebt.