Habe den Film jetzt auch gesehen. Das ist schon viel verschenktes Potenzial, was man hier verballert hat. Allein die komplette Herkunftsgeschichte und sein Leben über ein Jahrhundert wird in absoluter Kürze abgehandelt. Was hätte man da rausholen können! Die Kindheit im Hause Howlett hätte doch sicher 10 interessante Minuten hergegeben und das Leben durch die Jahrzehnte hätte man auch etwas detaillierter ausführen können. Dann hätte der Film halt 30-40 Minuten länger gedauert, na und? So rasen wir durch die Zeit, und Logans Leben scheint nur aus Kriegen und Kämpfen zu bestehen. Und immer ist er mit Creed zusammen, da geht leider auch viel von Logans Mythos als Loner, als Einzelkämpfer verloren, dass er ein Jahrhundert lang immer nur Teil eines Duos war. Gefällt mir nicht.
Das grundsätzliche Problem des Films ist aber, dass er keinen klug aufgebauten und ausgeführten, keinen stringenten Plot hat, man reiht einfach nur Szenen aneinander, die kein harmonisches Ganzes, keine ausgefeilte Story ergeben, die vielleicht auch irgendeine Art von Entwicklung enthalten würde.
Hier wird auch das große Thema zur Figur Wolverine vollkommen verschenkt: Der (auch in den X-Men-Filmen angedeutete) Zwiespalt zwischen seiner „wilden, animalischen Seite“ und seiner Vernunft, Bewusstheit. In einem Interview mit dem Regisseur habe ich gelesen, dass er genau dieses Thema hier besonders behandeln wollte, davon kann aber leider Nullkommanull die Rede sein. Es gibt diesen Zwiespalt, diesen inneren Kampf Logans mit seiner animalischen Seite hier überhaupt nicht.

Ab und zu ist Logan mal etwas zornig und wütend, ab und zu knurrt und schreit er mal, aber
a) gibt es dabei überhaupt keine erkennbare Entwicklung, das wirkt alles wahllos über den Film verstreut, beliebig, mal ist er ein bisschen animalisch, mal gar nicht, je nach Lust und Laune, wie man es für die jeweilige Actionszene halt wohl gerade passend fand.
b) wenn man mal die „wilde Seite“ Logans sehen soll, dann ist er hier aber nur „ein kleines bisschen animalisch“, wo ist hier denn bitteschön wirklich „das Tier“?

Weder lebt er jahrelang in den Wäldern noch sieht man ihn auch nur einmal wirklich wild, tierhaft und außer Kontrolle, letztlich ist Logan fast durchweg eine doch recht kontrollierte Figur, einfach zu „sauber und rein“, zu wenig dreckig und wild, wo er eben auch zumindest mal Phasen haben müsste, wo das anders ist. (Man wollte wohl Frauenschwarm Hugh Jackman, der mittlerweile populärer ist und einen positiven Heldentyp repräsentiert, aus Hollywood-Produzenten-Logik wohl relativ ungebrochen präsentieren, anstatt ihn auch mal als "Tier" zu zeigen.)
Auch sonst ist im Charakter „Wolverine“, der so lange lebt und so viele Erfahrungen gemacht hat, einfach weitaus mehr enthalten, als das, was wir hier zu sehen bekommen. Natürlich kann man die Vielschichtigkeit der Figur, die wir aus 1000en von Comics kennen, nicht in einen Film packen, kein Thema. Aber dass man in einem Einzelfilm über Wolverine den Charakter doch zumindest ein bisschen tiefer ausloten, dass man auch noch ein paar andere Aspekte mehr ansprechen würde, als man es hier getan hat, hätte ich schon erwartet. Leider hat man einfach viel zu wenig aus dem Potenzial dieser Figur gemacht, unter mehreren Aspekten aber vor allem auch nicht aus dem „Hauptthema“: der Bedrohung durch die animalische Seite und deren Beherrschung.
Absolut schlecht fand ich die Erklärung, dass eine Adamantiumkugel bei Logan das komplette Gedächtnis löscht.

Mir geht es hier nicht darum, ob so etwas „plausibel“ ist oder nicht, das ist angesichts dieses fiktiven Materials ja wirklich müßig zu diskutieren, aber erzählerisch, dramaturgisch ist das doch einfach ganz schwach. Man ballert ihm eine Kugel an den Kopf und hey, schon sind alle Erinnerungen gelöscht, ach wie günstig! So erspart man sich längere technische Erinnerungs-Extraktionsmethoden, die fundierter und erzählerisch glaubwürdiger gewesen wären, und hat in 1 Sekunde das gewünschte Ergebnis. The Easy way out für die Autoren, um am Ende den Vor-X-Men 1-Status zu erlangen, erzählerisch leider Nullkommanull befriedigend oder glaubwürdig, hier machen sie es sich einfach viel zu leicht.
Die Action war für mich okay, auch die Effekte, besonders gelungen fand ich den Endfight auf dem Schlot, das war schon ziemlich geil gemacht.

Von den Figuren fand ich Creed am überzeugendsten, im Vorfeld gab es ja Vorbehalte gegen Liev Schreiber als Sabretooth, weil er vom Typus eben ganz anders rüberkommt als der Sabretooth aus X-Men 1. Aber sein Charakter war der beste im ganzen Film, für mich top.

Auch Gambit fand ich recht gut dargestellt, als jugendlichen Gauner, wenig überraschend gespielt, aber schon so, dass man sagt: Yup, das passt.

Deadpool: Anfangs gut, mit großer Klappe, später leider stumm als Multi-Super-Waffe verheizt.
Wo digitale Effekte wirklich noch an ihre Grenzen stoßen, sieht man am jungen Xavier, unechter kann man ja nicht aussehen. Diese Verjüngungen kriegt man einfach noch nicht hiin, wie man auch in „Das seltsame Leben des Benjamin Button“ gesehen hat, wo die stark verjüngten Brad Pitt und Cate Blanchett auch entsetzlich künstlich aussehen.
Der Film war schon teilweise unterhaltsam, keine Frage, die Action war okay, und kein Mensch hat ein tiefsinniges Meisterwerk erwartet. Aber etwas mehr hätte es schon sein dürfen, nein: müssen, wenn man sich nach 3 guten und größtenteils intelligent gemachten X-Men-Filmen auch mal der Figur Wolverine alleine widmet. Aber das Ergebnis ist leider unterm Strich viel zu oberflächlich, als Story zu unbefriedigend, mit zuviel verschenktem Potenzial bei der Ausleuchtung des Charakters Wolverine.

Dass es auch als „Popcorn-Kino“ anders, besser geht, haben inzwischen genügend andere Superheldenfilme gezeigt.