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Es ist wie ein Pflock durchs Herz: Joss Whedons extrem erfolgreicher Astonishing X-Men-Run ist
zu Ende. Giant Size Astonishing X-Men 1 (gezeichnet von John Cassaday) war die letzte Ausgabe
von Joss Whedon (Warren Ellis und Simone Bianchi übernehmen die Serie dann). Zum Zeitpunkt
des Interviews befanden sich Whedon und seine Autorenkollegen zwar im Streik, doch der Vampir-Fan
nahm sich dennoch die Zeit, um mit uns über seinen Abschied, den aktuellen Stand der achten Buffy-
Staffel und seine neue TV-Serie zu plaudern. Und um eines vorauszuschicken: Wir wollten locker und
leicht ins Interview einsteigen. Und was wäre lockerer (und leckerer) als Kuchen?
WIZARD: Bevor wir ins Comic-Thema einsteigen, müssen wir noch eine wichtige Frage klären: Was ist dein Lieblingskuchen? WHEDON: Zu Thanksgiving backe ich immer einen Erdbeer-Rhabarber-Kuchen und das endet meistens damit, dass ich ihn fast ganz alleine aufesse. Erdbeer-Rhabarber ist schon eine verdammt feine Sache. Danke. Dann können wir ja jetzt über Comics reden. Nur zu. Aber wir sollten das Kuchenthema nicht so leichtfertig übergehen. Immerhin dreht sich auch die letzte X-Men-Ausgabe im Wesentlichen um Kuchen. Apropos: Stimmt es, dass die Giant-Size-Ausgabe eine Hommage an die klassische 1975er-Ausgabe ist, mit der die modernen X-Men begannen? Darauf hat Johnny bestanden. Wir sollten 12 Ausgaben machen und die waren kaum fertig, als ich schon zu ihm kam und sagte: “Hier hab ich die nächsten 12!” Er sagte nur: “Halt die Klappe, ich hab zu tun!” Als ich ihm dann erzählte, was ich mir für die Ausgaben vorstellte, kam dann nur ein “Leck mich!” Direkt danach sagte er aber gleich: “Dann brauchen wir am Schluss aber auch eine fette Sonderausgabe.” Und ich meinte nur: “Von mir aus.” Ich dachte damals noch, er meint eine Sonderausgabe mit dem Umfang der Superman vs. Spider-Man Treasury Edition, aber dann stellte sich raus, dass er nur ein paar Seiten mehr wollte. Ich sagte dann: “Dann will ich aber mindestens Spider-Man gegen Superman kämpfen sehen ... oder gegen Muhammad Ali, ganz egal.” Ehrlich gesagt war ich ein bisschen enttäuscht, dass die Sache nicht noch größer wird. Aber sie wird auf jeden Fall groß ... und episch. Jetzt ist die Serie vorbei. Gibt es etwas, was du im Rückblick lieber anders gemacht hättest? Eigentlich nicht. Ich bereue höchstens, dass ich nie wieder so etwas Cooles schreiben werde wie Ausgabe 4, in der Colossus zurückkehrt und Kitty über den Weg läuft. Und es ist nicht besonders clever, den Knaller schon in Ausgabe 4 zu bringen, wenn man insgesamt 25 schreiben muss. Ich weiß, dass die Danger-Story bei vielen Lesern nicht so gut angekommen ist, wie ich mir das gewünscht hätte. Ich war von der Idee, die dahinter stand, wohl so fasziniert, dass ich vergessen habe, der ganzen Sache eine menschliche Note zu verpassen. So konnten die meisten Leser nicht nachvollziehen, was Danger da eigentlich durchmachen muss. Trotzdem war der Schliff, den du den Charakteren verpasst hast, offensichtlich einer der Gründe für den Erfolg der Serie. Hinter den X-Men steckt einfach eine riesige Geschichte. Ich habe natürlich großen Respekt vor den Fans, die diese ganze Geschichte kennen, aber ich wollte die Serie auch für Leute schreiben, die im Vorfeld nicht 14 andere X-Men-Storys gelesen haben. Aus diesem Grund habe ich mich auch aus dem Civil War herausgehalten. Ich wollte die Geschichte auch Lesern zugänglich machen, die keine eingefleischten X-Men-Fans sind. Ich musste die Charaktere also verschlanken. Und was macht man dann mit Logan? Wieso nicht ein zimperliches Weichei aus ihm machen? Und selbst das ist ein Rückgriff auf seine ursprüngliche Geschichte. Ich habe mir das nicht ausgedacht. Diese Idee gab‘s schon lange vor meiner Story. Eine Heißwachs-Enthaarung! Wäre das nicht was Neues für Logan? Jetzt verrat doch nicht gleich alles! Jetzt schreibst du schon seit so vielen Jahren erfolgreich Teenager-Charaktere. Wird es nicht schwierig, solche Typen glaubhaft zu schreiben, wo du doch selbst immer älter wirst? Es kommt sicher die Zeit, in der meine Charaktere nicht mehr aussehen wie echte Teenies, sondern eher wie Archie und Jughead. Trotzdem bin ich der Ansicht, dass über Teenager zu schreiben eine zeitlose Angelegenheit ist. Als ich den Buffy-Film geschrieben habe, hab ich auch nicht versucht zu imitieren, wie junge Leute reden, weil sich das sowieso immer ändert, abhängig davon, welchen Film sie letzte Woche gesehen haben. Meine goldene Regel, was das Schreiben für junge Leute angeht, lautet: “Schreib flüssig, schreib frisch. Sorg dafür, dass es sich neu und natürlich anhört.” Dann fühlt es sich natürlich an, auch wenn die Leute eigentlich nicht so reden. Du musst dich darauf besinnen, was zeitlos ist und nicht irgendwelche Worte benutzen, die vielleicht grade hip klingen. Wo wir gerade von Buffy sprechen: In Ausgabe 3 der achten Staffel wird erwähnt, dass sich dieser Run über 40 oder 50 Ausgaben erstrecken könnte. Wie ist da der Stand? Zurzeit gehen wir von exakt 40 Ausgaben aus. Wir haben jetzt einen ziemlich guten Überblick darüber, wer was macht, wo die Geschichte hinführen soll, was der Höhepunkt wird, wer der Böse ist und vor allem welcher Autor was schreibt. Und dann ist Schluss? Nein, nein, nein. An den letzten beiden Storybögen tüftele ich gerade zusammen mit Brad Meltzer. Er schreibt den ersten und ich kümmere mich um den zweiten. Ausgabe 40 wird die letzte der achten Staffel. Dann ist Schluss. Aber dann kommt ja noch die neunte Staffel. Wie ist Brad Meltzer zum Team gestoßen? Wir sind so was wie Internet-Freunde. Ich habe das Intro zu Identity Crisis geschrieben, weil ich von der Story so begeistert war. Damals hat es angefangen. Ich hab jedem Top-Autor, den ich kannte, eine Mail geschrieben. Und Brad sagte sofort Ja. Ich schrieb schon fast unterwürfig: “Ich möchte nicht Ihre wertvolle Zeit verschwenden, Sir, aber …” Und er schrieb einfach: “Ich bin dabei, Mann.” Da dachte ich nur: “Wow.” Wenn du für den Buffy-Comic schreibst, hast du dann immer noch die Schauspieler aus der Original-Serie im Hinterkopf? Die sind quasi in mein Hirn eingebrannt. Aber das hilft mir beim Schreiben. Ich höre sie fast ständig reden. Tom Lenk [der Andrew in Buffy und Angel gespielt hat] hat mir mal verraten, dass er die Comics laut liest, wenn er alleine ist. Also ja, klar hab ich sie im Hinterkopf. Das hilft.Was steht in Zukunft für dich in Sachen Comics an? Ich muss erst mal ein bisschen Ordnung schaffen. Buffy ist natürlich weiterhin aktuell. Da schreibe ich den Storybogen nach Drew [Goddard]. Meist helfe ich ihm mit seinen Comics, dafür hilft er mir dann bei meinen. An Buffy zu arbeiten, ist ein ganz natürlicher Teil meines Lebens geworden. Bevor ich andere Projekte angehe, muss ich mir erst wieder ein bisschen Freiraum schaffen. Ich hab mich kürzlich mit deinem Kumpel und Buffy-Autor Brian K. Vaughan über Y: The Last Man unterhalten und ihn gefragt, ob ich dir was ausrichten soll und er sagte nur: "Joss ist in jeder Hinsicht ein Nerd, aber irgendwie steht er auf Agent 711, die Domina aus Safeword. Sie ist wohl so eine Art Fetisch von ihm." Brian lässt keine Gelegenheit aus klarzustellen, dass ich ein schmutziger alter Mann bin. Es stimmt: Brian ist jünger als ich. Und vielleicht auch talentierter. Also muss ich weiter Glatzenwitze über ihn reißen. Was bleibt mir anderes übrig? Ich glaube Safeword ist einer der besten Storybögen. Auf jeden Fall einer der besten, die ich gelesen habe. Aber ein Fetisch? So weit würde ich jetzt nicht gehen.Was kannst du uns über Dollhouse, deine neue TV-Serie, erzählen? Es geht um ein Mädchen, dessen Persönlichkeit vollkommen ausgelöscht wurde. Sie kann, je nach Auftrag, die verschiedensten Persönlichkeiten annehmen. Manche sind kriminell, manche sind romantisch, manche sexy und wieder andere … wie war noch das Wort? “Avocado?” Manche sind “Avocado” … Nein, das war’s nicht. “Altruistisch.” Das war’s zwar nicht ganz, aber es trifft die Sache irgendwie besser. Schritt für Schritt wird sie sich aber ihrer eigenen Persönlichkeit wieder bewusst und fragt sich, wer sie ist und was sie hier verloren hat. Und sie spürt, dass sie in großer Gefahr schwebt. Wie weit ist die Produktion von Dollhouse fortgeschritten? Sobald der Streik vorbei ist, fange ich damit an. Vorausgesetzt natürlich, dass nicht ganz Hollywood bis dahin kollabiert ist.Letzte Frage: Du hast eine ganz merkwürdige Art von Berühmtheit erlangt. Die Leute fallen zwar nicht gerade in Ohnmacht, wenn du auftauchst, aber in gewissen Kreisen wirst du trotzdem wie eine Art Gott behandelt. Ist das nicht die ideale Kombination? Nun ja, ich fände es schon toll, wenn mehr Leute in Ohnmacht fallen würden. Es ist super, Fans zu haben. Aber wo bleiben die Groupies? Nein, es ist schon die ideale Kombination. Ich habe genug Privatsphäre und gleichzeitig kommen auch immer wieder Leute auf mich zu, um mir zu erzählen, wie toll sie meine Arbeit finden. Man darf sich nur nicht darauf ausruhen. Wenn jemand dich einen "Gott" nennt, dann musst du dich sofort selbst fragen: "Wie scheiße bin ich eigentlich?" Denn dreimal darfst du raten, wie mies man schreibt, wenn man anfängt, diesen Kram zu glauben. Ziemlich mies? Ganz genau. |
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